„Das Abschlussseminar ist die Zeit der Ernte“

Ein Gespräch über die Bedeutung der Seminare im Freiwilligendienst

Zwei Jahre mussten wir auf unser Highlight verzichten, nun können sie endlich wieder stattfinden: Unsere Abschlussseminare am Gardasee! Mit der Freiwilligendienstleistenden Johanna Winterhalter (19) und Sophie Rothfuß, seit fast 10 Jahren in der Bildungsarbeit der DRK Freiwilligendienste tätig, haben wir darüber gesprochen, welche Bedeutung die Seminare allgemein und die Abschlussfahrt im Besonderen für den Freiwilligendienst haben.

 

Wie viele andere, hat sich auch Johanna für ein FSJ entschieden, weil sie nicht wusste, was sie sonst machen soll. Eine Aussage, die Sophie von ganz vielen ihrer Freiwilligen hört. Sie beobachtet, „irgendwie gibt es da immer mehr Druck die richtige Entscheidung zu treffen. Viele tun sich einfach schwer.“ Es sei ihr deshalb „wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, ‚jetzt hast du erstmal Zeit, um auf andere Gedanken zu kommen‘“. Aber auch methodisch wird das Thema in der Seminararbeit aufbereitet.


„Mir ist es wichtig, ihnen das Gefühl zu geben ‚jetzt hast du erstmal Zeit,
um auf andere Gedanken zu kommen‘.“

Sophie (hauptamtliche Seminarleitung)


Die praktischen Erfahrungen in der Einsatzstelle werden in der Regel von 4 Seminaren begleitet: Ein Einführungsseminar, zwei Zwischenseminaren und ein Abschlussseminar, die von Pädagoginnen des Roten Kreuzes vorbereitet und durchgeführt werden. Das Abschlussseminar mit der Fahrt zum Gardasee ist dabei das besondere Highlight, denn „Abschlussseminar ist ein bisschen wie Klassenfahrt, nur ohne Lehrer“, merkt Johanna schmunzelnd an.

 

 

Und was genau macht man auf den Seminaren?

Für Sophie Rothfuß gehe es im Einführungsseminar vor allem darum, dass die Freiwilligen als Gruppe zusammenkommen, erste Erfahrungen aus den Einsatzstellen reflektieren, „aber auch einfach mal ins kalte Wasser springen und üben, sich auf etwas Neues und neue Menschen einzulassen. Durch Corona gab es nur wenige Chancen das zu üben, da so viele Klassenfahrten und Jugendfreizeiten ausgefallen sind.“

In den Zwischenseminaren sind es dann „viele Themen, die die Freiwilligen sich selbst aussuchen“, erzählt Sophie. Häufig seien das Themen, wie psychische Erkrankungen, Sucht und Drogen oder Selbsterfahrung zum Thema Behinderungen. Und natürlich sei auch Berufswahl immer wieder Thema.

Und dann am Ende des Freiwilligendienstes für das Abschlussseminar „gemeinsam nach Norditalien zu fahren, ist schon was Besonderes“, findet Sophie. Einerseits sei die Fahrt ein schönes Zeichen der Wertschätzung für das Engagement und den Einsatz der Freiwilligen in ihren Einsatzstellen. Andererseits findet Sophie, „das Abschlussseminar ist die Zeit der Ernte“, da hier vor allem der Rückblick auf das vergangene Jahr im Vordergrund stehe.

 

Der Blick zurück zeigt, was sich alles innerhalb der letzten Monate geklärt oder verändert hat

Auf dem Abschlussseminar bekommen die Freiwilligen zum Beispiel den „Brief an sich selbst“ zurück, den sie auf dem Einführungsseminar an ihr zukünftiges Ich verfasst haben. Er ist eine Art Zeitaufnahme all der Fragen, Gedanken und Sorgen, die die Freiwilligen zu Beginn ihres FSJ beschäftigen. Und Johanna habe es überrascht, dass sie nach ihrem Freiwilligendienst, für fast alle ihrer Fragen eine Antwort finden konnte. Sie erinnerte sich, „wenn man den ‚Brief an sich selbst‘ dann ließt, sieht man, wie man sich verändert hat, was alles passiert ist. Das war ein schönes Gefühl“.


„Wenn man den ‚Brief an sich selbst‘ dann ließt, sieht man, wie man sich verändert hat, was alles passiert ist. Das war ein schönes Gefühl.“
Johanna (19, FSJ in der AWO ISA)


Rückblickend auf das vergangene Jahr resümiert Johanna: „Ich bin sehr gewachsen. Ich bin selbstbewusster und offener im Kontakt mit Menschen geworden und auch vor allem im Umgang mit behinderten Menschen.“ Zum Teil liege das an Johannas Einsatzfeld. Sie leistet ihr FSJ im Bereich der individuellen Schwerbehindertenassistenz, d. h. sie hat die Schulassistenz eines 16-jährigen Mädchens übernommen, das im Rollstuhl sitzt. Dazu gehöre, dass Johanna das Mädchen bei ihr zu Hause abholt, mit ihr in die Schule geht und sie im Unterricht, manchmal auch in der Freizeit, aber auch zum Beispiel beim Gang zur Toilette unterstützt. Johanna fasst es so zusammen: „Ich bin im Endeffekt ihre Hände und Füße. Ich schreibe für sie, ich melde mich für sie, ich schiebe ihren Rollstuhl und manchmal rede ich auch für sie.“ Und dass das FSJ zu einem rundum positiven Erlebnis für sie wurde, liege für Johanna mit daran, dass ihre Einsatzstelle bei der Zuteilung auch „gut darauf achtet, was für ein Typ Mensch man ist und wer da zu einem passen könnte.“

 

 

Warum wir zum Abschlussseminar an den Gardasee fahren? Darum:

Seit inzwischen 15 Jahren fahren wir vom Badischen Roten Kreuz mit unseren Freiwilligen zum Abschlussseminar an den Gardasee. Und das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Ganz in der Nähe fand nämlich 1859 die Schlacht von Solferino statt – die Geburtsstätte der Rotkreuz-Idee. Mehr als 150 Jahre später setzt sich das Rote Kreuz und der Rote Halbmond weltweit für die Verminderung des Leids von Menschen in Not ein, und das ohne Ansehen von Nationalität, Abstammung oder religiösen, oder politischen Ansichten.

Beim Abschlussseminar steht deshalb auch ein Besuch der Gebeinskirche von Solferino mit auf dem Programm. Johanna erinnert sich: „Das war schon eindrucksvoll: Die Menschen, deren Knochen dort aufgebahrt sind, haben damals gekämpft und aus ihrem Leid, entwickelte sich das Rote Kreuz. Und heute sind wir mit unserem Freiwilligendienst ein Teil davon. Und auch für Sophie sei es immer wieder aufs Neue berührend, wie diese Idee die Welt verändert habe. Sie sagt: „Ich bin aufgewachsen in einer Welt, in der es selbstverständlich ist, dass es sowas gibt, wie das Rote Kreuz, das unterschiedslos hilft. Egal welche Nation, welcher Glauben. Und dass das damals vor nur 150 Jahren noch überhaupt keine Selbstverständlich war, sondern ein Novum, etwas revolutionär Großes, finde ich jedes Mal aufs Neue berührend.“


„Das war schon eindrucksvoll. […]
Aus ihrem Leid, entwickelte sich
das Rote Kreuz. Und heute sind wir
mit unserem Freiwilligendienst
ein Teil davon.“

Johanna (19, FSJ in der AWO ISA)


Durch den Besuch von Solferino schließt sich dann auch für die Freiwilligen ein weiterer Kreis, denn so manches Rotkreuz-Thema findet sich auch in den Seminaren wieder. Freiwillige machen zum Beispiel einen Erste-Hilfe-Kurs oder erfahren über die Geschichte und die Werte der Rotkreuzbewegung. Und auch das Humanitäre Völkerrecht wird thematisiert. Aber für Sophie geht es um mehr: „Natürlich hat der Gardasee einen starken Bezug zum Roten Kreuz, aber vor allem wächst die Gruppe bei einer solchen Fahrt ganz besonders zusammen und man kann einfach noch viel besser Abschalten, den Alltag hinter sich lassen und sich vollkommen auf sich selbst konzentrieren.“

 

 

Präsenz oder Online? Beides hat Vorteile

Leider mussten seit dem Frühjahr 2020 pandemiebedingt einige Seminare online durchgeführt werden. Auch Johanna hat so manches Seminar vor dem Laptop verbracht. Sie erinnert sich: „So toll unsere Online-Seminare waren, aber nur über Kameras kann man sich nicht richtig kennen lernen.“ Neben der Gruppendynamik gehe der informelle Austausch leicht verloren. „In der Jugendherberge sitzt man auch mal noch abends zusammen und quatscht. Wenn online die Seminareinheit vorbei ist, dann wars das“, erzählt Johanna.

Und Sophie ergänz mit Nachdruck, „die Präsenz bringt einfach viel mehr Magie rein, als es jedes Online-Seminar könnte“, dabei hat das Online-Format auch durchaus Vorteile: Da nun Referent:innen aus ganz Deutschland eingeladen werden konnten, wurden die Themen in den Seminaren vielfältiger und manche Themen lassen sich mit digitalen Tools leichter vermitteln. Sophie Rothfuß überlegt, „vielleicht ist es eine Lernerfahrung für unsere technisch affine Welt, zu sehen was sind Vorteile und was sind Grenzen, was leistet die wahrhafte Begegnung und das Miteinander sein, was das Digitale nicht ersetzen kann?“


„Die Präsenz bringt einfach viel mehr Magie rein, als es jedes
Online-Seminar könnte.“

Sophie (hauptamtliche Seminarleitung)